Leben im Mittelalter

StephB
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Re: Leben im Mittelalter

Beitrag von StephB » So 10. Sep 2017, 09:41

Die Frage nach Müll und Dreck finde ich sehr spannend. Man weiß zwar, dass in früheren Zeiten die Leute ihre Umwelt relativ hemmungslos zugemüllt haben, nicht nur im Mittelalter, aber generell neigt man als Dioramenbauer dazu, diesen Aspekt zu ignorieren.
Auch die römische Antike, die man sich gerne erhaben und strahlend vorstellt, war da keine Ausnahme. Eine realistische römische Straßenszene müsste z. B. den ein oder anderen Tierkadaver unterbringen, dazu jede Menge zerbrochene Keramik etc. Das macht aber niemand, ich habe solche Details noch in keinem Römerdiorama gesehen – und auch bei meinen eigenen Straßenszenen fehlen sie. Eigentlich nicht korrekt.

CARNUNTUM
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Re: Leben im Mittelalter

Beitrag von CARNUNTUM » So 10. Sep 2017, 23:34

Also , was die Römer betrifft so waren die um Lichtjahre reinlicher als dann das spätere teilweise 'dunkle Mittelalter' . Die Römer hatten allerspätestens nach Nero verstärkte Feuerwach-Einheiten , Vorschriften im Umgang mit Feuer und Haussicherung Brandwachen , Vorläufer unserer heutigen Feuerwehr. Straßen wurden nach den Rom-Brand verbreitert zur besseren Feuerbekämpfung. Und so gab es auch Kanalreiniger (Sklaven) für die viele viele Kilometerlangen Abwasserkanäle Roms die in den Tiber und dann ins Meer flossen. Gewiss gab es auch Stadtteile (Armen-Stadtviertel wo die Ärmsten wohnten) wo Müll stärker verbreitet waren in den Straßen. Aber die Römer wussten schon damals - Dreck und Schmutz bringt Krankheiten. Viel von diesem Wissen ging dann in der Spät-Römischen Zeit , etwa so 400 n.Chr. verloren. Nicht umsonst Sprechen Geschichtsforscher vom teilweise vom dunklen Mittelalter mit Pest, Hungersnöten und zahlreichen anderen Krankheiten , Grund : Hygiene !Falsch wäre es die Römischen Straßen und Gassen nun ebenso schmutzig und Abfallbeladen darzustellen .
Nun , das ist etwas was ich nach über 35 Jahren Beschäftigung mit den alten Römern weis . Es ist richtig - gelebt habe ich damals noch nicht , also kenne ich das nur aus 'ner Unmenge gelesener Bücher.
Gruß
CARNUNTUM

StephB
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Re: Leben im Mittelalter

Beitrag von StephB » Mo 11. Sep 2017, 09:43

Hallo Carnuntum!

Ich stimme darin zu, dass die Verhältnisse in der römischen Antike besser als im Mittelalter gewesen sein dürften, aber nur graduell und trotzdem nicht mit heutigen Standards zu vergleichen. Moderne Darstellungen zeichnen hier oft ein übertrieben optimistisches Bild.

Die Feuerwehr (vigiles) wurde übrigens schon unter Augustus eingerichtet und konnte trotzdem den großen Brand von 64 und andere Großbrände Roms nicht verhindern.

„Aber die Römer wussten schon damals - Dreck und Schmutz bringt Krankheiten.“ Gewiss, aber einen Zusammenhang kennen und im Alltag konsequent danach handeln sind zwei Paar Schuhe. Wäre es anders, würde es heute z. B. keine Raucher geben usw.

Nehmen wir als konkretes Beispiel die Thermen, die heute als Inbegriff römischer Hygienekultur angesehen werden. Nun, die Römer haben mit ihrem Badewesen großen Aufwand getrieben, und neben Aspekten wie Geselligkeit, Freizeitgestaltung usw. spielte natürlich auch ein Bedürfnis nach Reinlichkeit eine wichtige Rolle, keine Frage.
Aber der Teufel steckt eben immer im Detail:
1. Es gab keine Aufbereitungsanlage zur Filterung und Entkeimung des Wassers.
2. Es gab keine Dusche zur Grundreinigung, bevor man ins Becken hopste.
3. Zwischen den einzelnen Badegängen trieb man Sport oder ließ sich massieren – beides unter Verbrauch von großen Mengen Öl. Ein Teil landete unweigerlich im Wasser, hochgerechnet auf soundsoviel Badegäste … die Becken muss man sich alle mit einem schillernden Ölfilm auf der Wasserfläche vorstellen.
4. Ärzte kannten den Wert von Bädern für die Gesundheit, aber das Wissen um Infektionswege war kaum vorhanden. Also wurden selbst Leute mit der sprichwörtlichen Pest und Cholera ermutigt, sich ins öffentliche Bad zu begeben.

Zum Einstieg empfehle ich
Günther E. Thüry: Müll und Marmorsäulen. Siedlungshygiene in der römischen Antike.

Und als Ergänzung (leider stark auf Schriftquellen fixiert und schwach bei der Archäologie, aber dafür auch mit Bezug zu Griechenland):
Karl-Wilhelm Weeber: Smog über Attika. Umweltverhalten im Altertum.

Beste Grüße,
Stephan

sansovino
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Re: Leben im Mittelalter

Beitrag von sansovino » Do 14. Sep 2017, 17:30

Die römische Antike war gewiss "sauberer" als das Mittelalter. Dennoch stimme ich hier völlig StephB zu. Die Sache mit Öl-Reinigung des Körpers dürfte gewiss für sehr unappetitliches Badewasser gesorgt haben. Nach meiner Kenntnis gab es bei den Römern auch eine Unzahl von ständig erneuerten Erlassen hinsichtlich Reinigung und Brandschutz, die darauf hin deuten, dass die gewünschten Standards oft gerade nicht eingehalten wurden.

Eine mittelalterliche Stadt dürfte dagegen in vielen Teilen für uns Heutigen eher einer Müllhalde als einem angenehmen Lebensraum geähnelt haben. Insbesondere die Strassen mit all ihrem Unrat. Die teilweise sehr hohen Untersetz-Schuhe der Begüterten deuten jedenfalls daraufhin wie auch unzählige Ratsverordnungen insbesondere der Hansestädte, die sich zumindest von Zeit zu Zeit um Mindeststandards bemühten.

Hinsichtlich des wachsenden Interesses gerade auch an Umweltgeschichte könnte ein solches Diorama auf großes Interesse treffen.

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